Berlin diskutiert über einen 13. Stadtteil

Es ist unwahrscheinlich, dass der Zustrom in die deutsche Hauptstadt abreißen wird. Doch es gibt bereits Ideen, sie um einen neuen Bezirk zu erweitern.

Wird Berlin demnächst um einen neuen Stadtteil bereichert? (Bild: Pixabay.com)

Berlin wächst und wächst. Aber nicht nur Wohnraum wird knapp, sondern auch das Angebot an Schulen, Kitas, Büroräumen und bebaubaren Grundstücken. In der Berliner Morgenpost wurden aus diesem Grund Politiker, Stadtplaner, Architekten und Akademiker befragt, ob die zwölf Stadtteile um einen weiteren, den Wohnungsmarkt entlastenden Bezirk ergänzt werden sollten.

Grundsätzlich sei diese Modellüberlegung gut, aber „nicht einfach“, sagt der Vorsitzende der Stiftung Zukunft Berlin und früherer Stadtentwicklungssenator, Volker Hassemer. Da es an nutzbaren Flächen mangelt, müsse mit den Brandenburger Gemeinden zusammengearbeitet werden. Die dort verteilten Flächen könnten so zu einem 13. Bezirk „klug zusammengestellt“ werden. Eine Kooperation mit Brandenburg sei definitiv notwendig, so Tobias Schulze, stellvertretender Landesvorsitzender der Linken in Berlin. Ein vom Wohnungsbau der 20er Jahre inspiriertes, „integratives Modellviertel“ sei für ihn ein spannendes Projekt.

Eine Zusammenarbeit mit Brandenburg wird erforderlich sein

Philipp Misselwitz, Professor für Internationale Urbanistik der Technischen Universität, sieht einen neuen Bezirk als „Chance, das Thema Berlin-Brandenburg neu anzugehen“. Vor allem da viele Pendler einen festen Bezug zu Berlin haben, könne laut Misselwitz nicht mehr in hundert Jahre alten Stadtgrenzen gedacht werden. Stattdessen sollten Stadtplaner auch die umliegende Region miteinbeziehen.

Denn gerade die großen, ins Umland ragende Wachstumsgebiete in verschiedenen Teilen der Stadt sollen geeigneten Raum bieten. Laut Christian Gräff, bau- und wohnungspolitischer Sprecher der CDU, käme im Südosten etwa der Bereich zwischen Neukölln, Treptow-Köpenick, Schönefeld und Blankenfelde-Mahlow infrage. Im Westen wäre dies zwischen Spandau, Zehlendorf, Potsdam und Falkensee, während der Norden bei Pankow, Buch, Bernau und Oranienburg Platz bieten würde. Eine Einbeziehung Brandenburgs ist auch laut Gräff unerlässlich. Seine Vision ist ein Stadtteil, welcher mit neuesten Techniken nachhaltige Bauformen umsetzt, alle sozialen Schichten einbezieht und durch eine digital arbeitende Modellverwaltung gesteuert wird.

Wohnen bei ehemaligen Flughäfen?

Gedanken über die genaue Gestaltung machte sich der Architekt Urs Füssler. Er schlägt eine Nachnutzung des nach wie vor im Bau befindlichen Flughafens BER in Schönefeld vor. „Nach Einführung von Hybridantrieben in der zivilen Luftfahrt“ können laut ihm „Flughäfen zu Städten umgebaut werden“.

Auch der Stadtforscher Aljoscha Hofmann von der Initiative Think Berlin spekuliert über die Nutzung eines Flughafengebietes, in seinem Fall der Flughafen Tegel. Dieser müsste dafür aber „erst einmal schließen“. Damit wäre eine Überarbeitung der bisherigen Pläne, welche bislang 5.000 Wohnungen umfassen, notwendig. Wie viele seiner Vorredner sieht auch er einen 13. Bezirk am ehesten in der Metropolregion Berlins.

…doch die Umsetzung ist fraglich und zeitaufwendig

Die tatsächliche Umsetzung eines solchen Projektes steht allerdings vor zahlreichen weiteren Hürden. IHK-Bereichsleiter für Stadtentwicklung, Jochen Brückmann, betont die Langwierigkeit dieses Vorhabens. Insbesondere da alte Bezirke auf den neuen angepasst werden müssten, wird es der bisherigen Erfahrung nach Konflikte mit den „Alteingesessenen“ geben. Bereits jetzt sind die infrage kommenden Flächen höchst umstritten, was eine Umsetzung für Jahrzehnten statt nur Jahre verzögere.

Maren Kern, Chefin des Verbandes Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen, steht dem ganzen Konzept als solches kritisch gegenüber. So sei das Aufziehen neuer Verwaltungs- und Infrastrukturen notwendig, sowie zeitlich und planerisch kaum absehbar. Sie empfiehlt es, den Fokus auf den Neubau zu legen. So könnten bei der Elisabeth-Aue, dem Flughafen Tegel oder den Randbereichen des Tempelhofer Feldes „jeweils Wohnungen für viele Tausend Menschen errichtet werden“. Bei Letzteren geht der Verband von jeweils mindestens 10.000 Wohnungen aus.

Wann und wie Berlin also seinen 13. Stadtteil erhält, ist nicht abzuschätzen. Fest steht, dass das Stadtmarketing davon profitieren könnte. Erst im vergangenen Jahr wurde in Frankfurt am Main die „Neue Altstadt“ eröffnet. Dieser Bezirk bietet laut Sabine Gnau von der Vermarktungsgesellschaft Frankfurt-Tourismus die Möglichkeit, das Image der „kühlen Geschäftsstadt“ durch einen „anderen, weicheren“ Eindruck zu ergänzen – für die Hauptstadt sicherlich auch nicht uninteressant.

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